Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?

www.tag-des-offenen-denkmals.de

Der Tag des offenen Denkmals fand dieses Jahr unter dem Motto statt: „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale“. Aufgrund der Geschichte der Stadt Dachau gibt es viele Bauwerke und Orte, die unter diesem Aspekt bemerkenswert sind. Wichtig sind vor allem Orte, die an die Nazi-Vergangenheit erinnern. Es sind Zeitzeugen, die es zu erhalten gilt. Dies mag naheliegend erscheinen, ist es in der Realität allerdings nicht. Selbst wenn der Wille vorhanden ist, hapert es oft an der Umsetzung.

Kräutergarten, Plantage

Zum Konzentrationslager Dachau gehörte eine Gärtnerei, betrieben durch die Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung. Häftlinge des Lagers mussten hier unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten, der Einsatz galt als besonders gefährliches Arbeitskommando. Dort, wo sich heute ein Industriebau an den anderen reiht, waren in den 1940ern unter anderem Gladiolenfelder, um Vitamin C in Pulver-Form zu gewinnen. Nichts erinnert auf den ersten Blick an diese Vergangenheit. Erst kurz vor dem Ortsausgang Dachau erscheinen auf der rechten Seite Gebäude, die von damals erhalten sind. Geld und Ideen für diese Art von Erbe sind knapp, deshalb verfallen die noch bestehenden Bauten und Gewächshäuser. Nicht einmal gegen Witterung werden sie grob geschützt. Zerbrochene Scheiben und verrostete Grundgerüste stehen neben zerbröselten Beeteinfassungen. Eigentlich sollte dafür gesorgt werden, der Nachwelt diese Denkmäler zu erhalten – jetzt wäre es noch möglich dafür zu sorgen.
Eine Führung, organisiert durch den Verein zum Beispiel Dachau e.V., bot die Möglichkeit die noch erhaltenen Gebäude zu besichtigen.

http://www.zbdachau.de/

Ziegler-Villa

An die Zeit vor dem ersten Weltkrieg erinnern in Dachau einige mehr oder weniger gut erhaltene Künstlervillen. Um die Jahrhundertwende siedelten sich Maler und Bildhauer an, die sich durch die Moorlandschaft inspirieren ließen. Eine dieser Villen ist die sogenannte Ziegler-Villa, die derzeit leer steht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde sie von dem Brauereibesitzer Eduard Ziegler für den Maler Adolf Hölzel gebaut. Als Adolf Hölzel auszog, erweiterte die Familie Ziegler 1906 das Gebäude. Bis Ende des zweiten Weltkriegs lebte sie dort.
Mit der amerikanischen Besatzung änderte sich die Bestimmung des Baus von einem Wohn- und Künstlerhaus hin zu einem amerikanischen Casino. Seit 2009 steht das Gebäude leer. Davor wurden in der privaten Scheibner-Schule junge Menschen unterrichtet. Diese Nutzung ist in den verlassenen Räumen noch sichtbar. Tafeln hängen an der Wand und die ein oder andere Kinderzeichnung ist zurückgeblieben.
Seit die Schule ausgezogen ist, verfällt das Gebäude langsam. Alle Nutzungen, die bisher geprüft wurden, fallen entweder wegen Geldmangel oder wegen der Auflagen von Seiten des Brandschutzes aus. Schade ist auch, dass der große Garten für die Dachauer Bürger unzugänglich ist und zu einem undurchdringbaren Dschungel verkommt.
In zwei Führungen zeigte Nina Schiffner Interessierten das Gebäude.

Ruckteschell-Villa

Ein erfreulicheres Beispiel vom Umgang mit dem Erbe der Künstlerkolonie ist die Ruckteschell-Villa.
Das Künstler-Ehepaar Ruckteschell-Trueb erwarb 1920 ein kleines Gebäude außerhalb der Stadt und baute es entsprechend seinen Bedürfnissen um. Ein großes Maler-und Bildhaueratelier, eine Schreinerwerkstatt und eine keramische Werkstatt wurden in das Wohnhaus integriert.
2005 bis 2011 wurde die im Besitz der Stadt Dachau befindliche Villa durch verschiedene Handwerksbetriebe und den Verein Brücke Dachau e.V. renoviert. Die etwa 200 Jugendlichen trugen mit 11.000 Arbeitsstunden einen Löwenanteil zu den Renovierungsstunden bei.
Im oberen Stockwerk werden heute vier kleine Wohnungen an internationale Künstler vermietet und das ehemalige Atelier im Erdgeschoss ist an einen ortsansässigen Künstler vergeben. Die vorderen Räume wurden mit Hilfe von alten Fotografien und der heute über neunzig Jahre alten Tochter rekonstruiert und dienen heute als Ausstellungsräume.

http://www.bruecke-dachau.de/

Das Beispiel der Ruckteschell-Villa zeigt, dass sich mit etwas Fantasie aus Denkmälern gut erhaltene Bauwerke mit einem öffentlichen Mehrwert erstellen lassen.